Peter Saxer – Eine Replik

Martin Gostner

Vorbemerkung
Der folgende Text zu Peter Saxer möchte nur eine kurze Übersicht zu seinem Werk und Leben darstellen, und soll eine vertiefende, kunsthistorische Erörterung seines Schaffens, die noch folgen soll, nicht ersetzen.

Werk-Leben
Peter Saxer erlebte seine Jugendjahre im Höhenflug der damaligen Jugendkultur der 70er Jahre. Das Innsbrucker Sigmund-Kripp-Haus, als damals größtes Jugendzentrum Europas, war die fruchtbare Agora für diese Zeit. Permanente Umwälzungen und Neuheiten in Musik, Film, Kunst und Literatur fanden damals statt. Besonders LP-Designs, Poster, Fotografien und Malerei wurden einerseits durch die Popart und andererseits durch ein Revival des Surrealismus geprägt, in dessen Umfeld auch Erprobungen von seelen-und bewusstseinsverändernden Mitteln aller Art gemacht wurden.

Nach seinem Abschluss an der HTL für Bildhauerei ging er 1975 an die Akademie der bildendenden Künste zum Bildhauer Joannis Avramidis. Die dortige stilistische Enge behagte ihm nicht, und als eines Tages Avramidis ihm befahl, den Kaugummi aus dem Mund zu nehmen und er sich weigerte, flog er aus der Klasse. Hier sieht man einen wichtigen Wesenszug von ihm: Das Aufbegehren gegen Autorität als Rebell. So wechselte er dann in die Klasse von Friedrich Welz, der gütiger war, und so konnte er sich dort frei entfalten. 1981 machte er dann seinen Abschluss und verließ den geschützten Raum der Akademie.
Er erhielt Preise, Stipendien nach Ägypten und Alma Ata, wurde mit mir Gründungsmitglied der Wiener Kunstgruppe REM. Zahlreiche Reisen und verschiedene Atelierstationen zeichneten seinen Lebenslauf: Kairo, Nößlach, Innsbruck, Santa Fe, Alma Ata, New York, Mötz, Verona, Venedig, Kenia, St. Johanni. T. und dann seine letzten Jahre wieder in Wien. Dieses Reisen war sowohl seiner Sehnsucht nach Freiheit wie seinem Bedürfnis nach Distanz geschuldet. Das Bild der Odyssee drängt sich auf. Diese Ortswechsel sind auch in seinen Werkgruppen gut sichtbar. Sie erscheinen als formale Brüche im Werk, aber Brüche sind in der Kunst immer die schmerzhafte Voraussetzung um Neues beginnen zu können. Die Konditionen für jeden wirklichen Experimentator.

Seine Arbeitsweise war, seinem Naturell entsprechend, von Behutsamkeit und Langsamkeit getragen, gepaart mit einer hohen Sensorik. Geduldig überlegte er jeden neuen Arbeitsschritt, erprobte verschiedenste Malmittel, Säfte, Mixturen und plastische Materialien, sowie deren Schichtungen und Aufbau. Erfahrungen daraus sollten ihm später auch bei seiner Tätigkeit als Restaurator hilfreich sein. In seinem Arbeitsrhythmus wechselte er zwischen introvertierter Muße und immens schöpferischem Output. Und eben diese konstante Methodik zwischen Innehalten und Aktion half ihm, die Entwicklungsprozesse in seinen bevorzugten Medien von Bronze, Ton, Gips, Öl, Acryl, Zeichnung, Fotografie und Video und Musik überhaupt erst zu bewältigen.

Anfang der 80er Jahre kam es in der Kunst zu einem bis heute andauernden Umbruch. Bis dahin wechselten sich die Stilrichtungen in der Kunst in zeitlicher Reihenfolge ab, bis sie zu den 70ern hin immer schneller mit neuen Ismen erschienen.
Dann kam es zu einem Innehalten, um dann unter dem Begriff der „Postmoderne“ den Zugriff auf alle rückwärtigen Stilrichtungen als Ressource zu legitimieren. So manifestierte sich Gleichzeitigkeit und auch Gleichberechtigung der Stile nebeneinander. In diesem Kontext bewegte sich auch Peter Saxer in seinen bevorzugten Arbeitsfeldern.

Angeregt durch Sigmund Freuds Erforschungen der Psyche fokussierte sich der Surrealismus auf die Darstellungen des Unbewussten, von Träumen und Visionen. Peter Saxer war besonders von Dali, Max Ernst und Yves Tanguy angeregt, und entwickelte daraus eine ganz persönliche und eigentümliche Bildsprache, in der er besonders in der Malerei seine speziellen Innenwelten darstellen konnte. Seine analytische Suche im eigenen Ich zeigt sich in den in allen Werkgruppen immer wieder auftauchenden Selbstportraits. Besonders deutlich erscheint diese Suche in der Arbeit „OT Selbstportrait“ aus 1988:

In der Plastik war er besonders vom Werk Giacomettis fasziniert. Dessen existentialistischer Ansatz jenseits von Normen, Rollen und Fassaden den „wirklichen“ Menschen in seiner nackten Existenz zu zeigen, nahm er auf, und schuf berührende und intensive Plastiken, von denen, seinen permanenten Ortswechseln geschuldet, leider viele nur mehr in Abbildungen existieren. Auch in der Plastik zeigt sich sein fortlaufendes Experimentieren mit Materialien und innovativen Produktionsabläufen. Als eines seiner Schlüsselwerke ist dazu die Bronze „Hermaphroditos“ aus den 80er Jahren zu nennen:

Der Hintergrund seines Arbeitens wird besonders von seinem zeichnerischen und graphischen Werk umrissen. Dort findet man all seine Ressourcen und Wurzeln, insbesondere die der familiären Beziehungen, der Freundschaften und der Reisen. Exemplarisch dazu „Knabe mit Buddha“ aus 1976:

Wie zu Beginn erwähnt war auch die Popkultur in der Jugend für ihn prägend. Durch seinen Aufenthalt in New York angeregt, wurde Popart wieder ein Thema für ihn, deren Vokabular er sich bediente und mit seinem surrealen Ansatz verknüpfte. So entstand entsprechende Malerei und besonders seine gelungenen Fotocollagen, die er in einer Personale in der Galerie der Stadt Innsbruck zeigte. Daraus „Die Taube“, aus 1995:

In seinen letzten Jahren bahnte sich ein letzter und radikaler Bruch an. Er wandte sich vom Figurativen ab und dem Geometrischen und Konstruktivistischen zu. Diese dabei entstandenen nun gegenstandslosen Bilder zeigen eigentümliche kristalline Strukturen, die aus genau geplanten Farbfeldern aufgebaut sind. War seine Absicht dabei mit allem Vorigem zu brechen, ähnlich wie im privaten Leben, oder ist es doch wieder sein figurativer Blick nach innen, nur diesmal in so großer Auflösung, dass der Gegenstand dabei verschwindet? Denn in einigen früheren, figurativen Arbeiten tauchen solch kristalline Motive schon auf, wie in „Frau in Geometrie“, undatiert:

Neben seiner künstlerischen Tätigkeit betätigte sich Saxer auch als Musiker und Filmer. Zusammen mit Andreas Prochazka spielten sie als „The Shinig People“ einige Tracks ein, und ebenso entstanden auch Videos, die im Werkverzeichnis abrufbar sind und interessante Dokumente der Erinnerung sind.

Durch alle Entwicklungen von Peter Saxer lassen sich aber immer wiederkehrende inhaltliche Setzungen verfolgen: Die Darstellung des menschlichen Körpers, und dabei besonders die des weiblichen Körpers werden laufend thematisiert. Und ebenso stark ist das Portrait vertreten, insbesondere, wie oben erwähnt, das Selbstportrait, in denen sein auch großes Können sichtbar wird. Wobei das Selbstportrait oft in übertragender Weise in autobiographischen Motiven erscheint. Vergleichbar mit der Arbeitsweise eines Reiseschriftstellers. Diese oft rätselhaften bis okkulten Motive machen mit das Faszinierende an seiner Kunst aus, die von kontemplativer Einsamkeit und ironischer Romantik Gleichermaßen getragen wird.

Der Mensch in der Zivilisation steht immer im Spannungsfeld zwischen seinen Trieben und den sozialen Regeln seiner Gemeinschaft. Diese Spannungen bezeichnete Sigmund Freud in seiner 1930 entstandenen Schrift als das „Unbehagen in der Kultur“. Darin führt Freud u.a. aus, dass wenn die sozialen Regelungen der zivilisierten Gesellschaften als zu eng empfunden werden, revoltiert das Individuum dagegen. Dieses Unbehagen empfand Peter insbesondere beim Kunstbetrieb, gegen dessen Konventionen er mit Verweigerung und Vermeidung reagierte. Eine Reaktion, die viele KünstlerInnen in ihrer Vita teilen – bekannte Beispiele wären etwa die Flucht Paul Gaugins in die Südsee oder die Verweigerungshaltung des späten Marcel Duchamps.
Diese Flucht vor den Erwartungshaltungen des Systems spiegeln sich auch in den zahlreichen Ortswechseln und Reisen von Peter Saxer wider. Sein Leben und sein Werk waren eine fortdauernde Suche nach dem „entspannten Feld“, jenem spannungslosen Zustand, in dem die Ängste und Anforderungen des alltäglichen Lebens ausgeblendet werden können, und sich das spielerische Erkunden frei entfalten kann. Dies führte er mit letzter Konsequenz aus.

Epilog und Dank
Schon unmittelbar nach dem überraschenden und frühen Tod von Peter Saxer 2013 begannen wir Teile seines Werks zu dokumentieren. Dann, 2022, bot mir Michael Piatti-Fünfkirchen, als langjähriger Freund und Förderer von Peter Saxer, an zum zehnjährigen Todesjahr eine Retrospektive im gerade renovierten Schüttkasten auf seinem Gut im Weinviertel auszurichten. Im Zuge der Vorbereitungen dazu gelang es der Familie Saxer und mir ein nahezu vollständiges Werkverzeichnis seiner Arbeiten zu erstellen, das nun an die 170 Arbeiten umfasst.
Mein besonderer Dank geht and Sophie und Michael Piatti-Fünfkirchen und ihren Kindern für die Initiative zur Ausstellung und ihre wunderbare Gastfreundschaft, an Theo Saxer und Andreas Saxer für die großartige Assistenz bei der Ausstellung, an Gerhard Steinlechner vulgo Janus Zeitstein für die fulminante literarische Begleitung der Eröffnung und an Andreas Prochazka für die unschätzbare Mitarbeit bei der Produktion der Videos.
Großer Dank auch allen Leihgeberinnen und Leihgebern der Ausstellung als das waren: Familie Hallbrucker-Schweiger, Karl Gostner, Martin Gostner, Lois Hämmerle, Gabi Mader, Tobias Moretti, Michael Piatti, Andreas Prochazka, Elisabeth Saxer-Aulitzky, Familie Karin Schmid, Gerhard Steinlechner, Burgi Waltl, Daniela Span, Stephan Wildner und alle Geschwister Saxer, sowie all Jenen, die uns mit Abbildungen ihrer Stücke von Peter Saxer für das Werksverzeichnis versorgt haben.

© Martin Gostner 2023

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